22. Mai 2004

Südkurier-Volontär Ingo Feiertag versucht sich bei der Segel-Regatta Midweek

Regen, Hagel, Dosenbier

Petrus gehört nicht zu meinen Fans, definitiv nicht, wo doch alles so herrlich begann: An einem wunderschönen Frühlingstag mache ich mich auf in Richtung Konstanzer Yachthafen. Die Sonne scheint warm, eine leichte Brise weht - einfach perfektes Wetter für meine erste Segelregatta. In der Seestraße angekommen, packe ich sicherheitshalber meine Sonnenbrille ein. Petrus sei Dank.

Gleichmäßig wippen die schwimmenden Stege und die verankerten Boote auf den seichten Wellen, alles wirkt wie im Bilderbuch. Noch. Von Minute zu Minute wird der Himmel dunkler. Wolken ziehen auf. Nur gut, dass ich neben der Sonnenbrille auch eine Regenjacke in meine Tasche gestopft habe... Aus Redaktion im Training wird im schlimmsten Fall wohl „Redaktion and Raining". Eine Spaziergängerin bestätigt meine Befürchtungen. „Ein Gewitter ist im Anzug", sagt sie zu ihrer Begleiterin. Als ich nach Bregenz blicke, kann ich ihr leider nur zustimmen. Ich besteige das Zubringerboot, das mich zu meiner schweizerischen Crew überführt, die in Kreuzungen startet, und schon geht es weiter. „Wenn wir Glück haben, regnet es erst, wenn wir fertig sind", murmelt jemand im Hintergrund.

Wir verlassen mit etwa sechs Knoten Geschwindigkeit (knapp 12 km/h) den Hafen, das blaue Schild des Yachtclub Konstanz wird immer kleiner. Jetzt weiß ich: Es gibt kein Zurück! Ich füge mich dem Unwiederbringlichen und studiere das Hinweisschild im Boot, auf dem die verschiedensten Signalflaggen der Segler beschrieben sind. Noch kann ich mich nicht für eine entscheiden. Victor beispielsweise, weiß mit einem Diagonalkreuz: „Ich benötige Hilfe." Oder Oscar, gelb-rot: „Mann über Bord." Oder Foxtrott, weiß mit einer roten Raute: „Manövrierunfähig". Am liebsten wäre mir jedoch Quebec, ganz in gelb: „An Bord alles gesund."

Der Motor verstummt, die Segel werden gehisst. Einen Moment lang scheint die Welt still zu stehen. Kaum ein Geräusch ist zu hören, nur die Wellen, die sanft an die Seiten des Bootes klopfen. Während über Bregenz schon die ersten Blitze flackern, weiß ich noch von meiner ersten Regatta, dass ich der geborene Schönwettersegler bin. Plötzlich rauscht und gluckst es um mich herum, Wind und Wellen heben an. Ich fühle mich ein wenig deplatziert in meiner Zivilbekleidung, umgeben von professionell ausgestatteten Wassersportcracks. Außerdem verstehe ich nur Bahnhof: „Spibaum", „Barber", „Niederholer", „Großschott", „Halse".

Aber alles muss ich ja nicht kapieren, ist schließlich mein erster Wettbewerb, „nur" die Midweek, eine Plauschregatta, vergleichbar mit einem „Grümpelturnier im Fußball", wie es mein Mitstreiter Ruedi wenig später ausdrücken wird. Das Startschiff kreuzt unseren Weg, und ich erspähe die „Vento Azzurro", die Schweizer X-99, auf der ich mein Glück versuchen werde. Gleich wechsle ich den Untersatz. Ich werde „übergeben", sagt Elke Maurer-Martin, mein Noch-Kapitän. „Übergeben?" Hoffentlich nicht!

Bei den Schweizern angekommen, kann ich kaum glauben, dass ich auf einem der favorisierten Boote für die anstehende Weltmeisterschaft dieser Bootsklasse gelandet bin. Alle sind gut gelaunt, aus dem Radio trällert Robbie Williams, unter Deck finde ich statt Apfelschorle Dosenbier vor. Picknick-Stimmung - keine Spur von Nervosität vor der Regatta. Pardon, vor dem „Grümpelturnier", jetzt verstehe ich.

Endlich bekomme ich eine - so scheint es zunächst - wasserdichte Überziehhose, eine Schwimmweste und ein paar Handschuhe mit „viel Erfahrung" (Kapitän Rolf Zwicky), was ich schon beim ersten Überstreifen gut riechen kann. Wir nähern uns der Startlinie. Raoul Meyer hat mir meine bedeutungsvolle Aufgabe längst erklärt. Theoretisch heißt meine Position „Mitschiff'. Praktisch bin ich Ballast bei den Wenden. Immer wenn wir unsere Richtung ändern, muss ich von einer Bootsseite auf die andere robben und mit meinem Gewicht dazu beitragen, dass die „Vento Azzurro" möglichst waagrecht übers Wasser gleitet. Sechs Minuten noch, der Wind wird stärker, das Gedränge vor der Abfahrt größer. Langsam gleiten die Boote auf die Startlinie zu. Auch bei uns herrscht Hektik, nur noch Sekunden. 30, 20, 10, 3, 2, 1 - die Startkanone knallt, und schon werden wir schneller. Wir kommen sehr gut weg, alle an Bord sind sich einig. Doch plötzlich ertönt erneut ein Schuss. Massenfehlstart!

Das Wasser wird immer dunkler, und ständig blitzt es am Himmel. Der Ton auf unserem Boot ist wie das Wetter - er wird fortwährend rauer. Meine Crew hat den Schalter umgestellt, von „Plausch" auf „Regatta" - ich erkenne den Ehrgeiz in den Gesichtern meiner Nebensitzer. Nur zum Spaß würden die Sechs an keiner Regatta teilnehmen. Sie wollen die Midweek gewinnen - auch mit einem eher unnützen Gast wie mir an Bord. „Heute geht es ernster zu, da alle X-99er hier auch Weltmeister werden wollen", erklärt mir Zwicky. Auf dem Bodensee, vor Bregenz, werden im Juli die Welttitelkämpfe in „meiner" Bootsklasse ausgetragen.

Nach dem zweiten Fehlstart und etwa 45 Minuten Verspätung geht die Midweek endlich richtig los. Mit der Regatta beginnt es aber auch zu regnen. Ohne die Fehlstarts wären wir jetzt womöglich schon auf dem Heimweg. Ich krabble fleißig von backbord (links) nach steuerbord (rechts). Der Regen wird stärker. Ich wuchte meinen Körper zurück auf die andere Seite, was gar nicht so einfach ist, da der Weg zu meinem Ziel recht schnell relativ steil ansteigt. Es gießt in Strömen. Während ich so in der Reling hänge und meine Turnschuhe fast im eisigen Wasser baumeln, beginnt es auch noch zu hageln. Ich sehne den nächsten Richtungswechsel herbei, weil meine Steuerbord-Backe langsam einzufrieren droht. Wenigstens bin ich nicht der einzige, der fröstelt, auch der See sieht aus, als habe er eine Gänsehaut. Wonnemonat Mai, dass ich nicht lache. Und überhaupt, wer ist eigentlich dieser Petrus?

Wir haben die erste Boje als Spitzenreiter passiert, was mir weniger Genugtuung bereitet als meinen Bootskameraden. Mir würde momentan schon ein warmes Bad oder ein Platz in der gemütlichen Kajüte unter Deck genügen. Noch sind wir vorn, doch wenig später unterläuft uns ein Fehler, der uns etwas zurückwerfen wird. Wir treffen die falsche Entscheidung und setzen den Spinnaker zu spät - im Gegensatz zur Konkurrenz, die von der Crew genauestens beobachtet wird. Auch das Manöver an der zweiten Boje bezeichnet Meyer als „nicht gerade Weltklasse". Doch genau das wollen sie sein, meine Meister zur See, Michael Hermann, Ruedi Hartmann, Bruno Egger, Raoul Meyer, Rolf und Dominik Zwicky.

Die Konkurrenten sind aber auch nicht von gestern. Unsere härtesten Rivalen Tino Ellegast aus Konstanz und Beno Seger aus Bottighofen haben uns schon überholt. Die drei Boote, die alle anderen längst hinter sich gelassen haben, gehören zu den Aktiven vom Bodensee mit den besten Perspektiven bei der WM und waren bereits eine Woche zuvor bei der Eichhorn-Regatta auf dem Treppchen gestanden.

Wir passieren die dritte Boje und müssen fortan Schlangenlinien fahren und darauf achten, dass uns niemand den Wind wegnimmt. Was im Radsport Vorteile bringt, bremst beim Segeln - der Windschatten. Die vierte Boje. Der Wind ist weg, ich sehe nur noch Schatten, und der Regen fällt fast lotrecht. Mit dem Tempo zweier fußkranker Elefanten bewegen Ellegasts Mistral und unsere Vento Azzurro sich gemächlich auf die Ziellinie zu. Später wird ein Fotofinish entscheiden und uns mit einer Sekunde Rückstand zum Zweiten der Regatta erklären.

Trotz des großen Ehrgeizes ist die Endplatzierung nicht das Ausschlaggebende für meine Crew. Wichtiger ist die Vorbereitung auf die WM, zu der auch die kommenden Regatten gehören. Vor allem das extreme Wetter sei immens wichtig gewesen im Hinblick auf das große Saisonziel der Vento Azzurro. „Die verschiedenen äußeren Bedingungen, das Umschalten von starkem Wind auf schwächeren und umgekehrt" könne sich nirgendwo so gut üben lassen wie bei einer Regatta unter Wettkampfbedingungen, sagt Rolf Zwicky - und sei es auch „nur" die Midweek.

Außerdem hatte die Vento Azzurro in mir einen ziemlich schweren Hemmschuh an Bord, und abgesehen davon waren wir nicht in der Originalbesetzung unterwegs. An Dominik Zwickys Stelle sitzt im Normalfall Peter Müller. Wenn das Schweizer Sextett in Bestbesetzung an den Start geht, „dann ist es ruhiger, jeder weiß, was passiert. Das ist ganz wichtig in unserem Teamsport", sagt Rolf Zwicky, unser Käpt'n.

Ich hingegen war bei meinem ersten Segel-Wettbewerb alles andere als ruhig. Außerdem habe ich noch immer keinen blassen Schimmer davon, was um mich herum so alles passiert ist in diesen Stunden inmitten von Regen, Hagel, Wind und viel zu viel Wasser. Nur eines weiß ich sicher: Das alles ist gewiss kein Seemannsgarn. In Wirklichkeit war es noch viel schlimmer, beim Klabautermann.

Die Bootsklasse

Die X-99 ist eine One-Design-Klasse, das heißt, dass alle an einer Regatta teilnehmenden Boote einen Messbrief haben müssen. Dieser garantiert gleiche Maße für Boot und Segel sowie einheitliche Ausrüstung und stellt somit das sportliche Können der Mannschaften vor der Technik in den Vordergrund. Die X-99 ist ein zehn Meter langes, sechs Tonnen schweres Kielboot mit ca. 60 Quadratmetern Segelfläche. Als 1985 die erste X-99 eingewassert wurde, stand die Idee, eine One-Design-Yacht zu bauen, die schnell genug ist, um existierende Yachten gleicher Größe zu schlagen. Zugleich sollte sie komfortabel genug sein, um Touren zu segeln. Innerhalb der ersten zehn Jahre wurden an die 500 Boote gebaut, die anfängliche Zunahme ist mittlerweile aber stark abgeebbt. Zwischenzeitlich gibt es weltweit 600 X-99. Heute ist sie eine der aktivsten Regattaklassen ihrer Größe und vom Segel-Weltverband ISAF seit 1997 berechtigt, offiziell anerkannte Weltmeisterschaften durchzuführen.

Die Crew

Eine X-99-Mannschaft besteht immer aus sechs bis sieben Mitgliedern, die ein Höchstgewicht von insgesamt 512 Kilogramm nicht überschreiten dürfen. Das Zusammenspiel im Team führt zum Erfolg, dabei hat jeder Segler der Crew fest zugewiesene Aufgaben.

Die Weltmeisterschaft

Vom 3. bis 10. Juli findet vor Bregenz die X-99 Weltmeisterschaft statt. Bereits zum dritten Mal nach 1991 und 1996 werden sich dann die weitbesten Segler dieser Bootsklasse auf dem Bodensee messen.

Tipps im www

@ Infos zur X-99 und zur WM gibt's unter www.x99.info

INGO FEIERTAG